Mund auf?

Wir greifen hier eine Analyse des hiesigen Creative Directors auf (Danke an Ralf Glasmeyer für die gelungene Foto-Komposition): Sind nicht inzwischen zu viele Münder am Wegesrand, in Printmedien und Social Media Umfeldern zu weit aufgesperrt?

Ja, wir wissen: Die Neurowissenschaften machen die werbetreibende Industrie darauf aufmerksam, dass diese Gesichtshaltungen zu einer unmittelbaren Aktivierung des Betrachters führen. Und dass darum viele Werbeagenturen der Welt diese Haltung aufgreifen. (Die Stocks haben die Zeichen der Zeit natürlich ebenfalls erkannt und bieten gefühlte Trillionen offener Münder in mehr oder minder hübschen Gesichtern an.)

Aber hat denn den Entscheidern noch nie jemand etwas über Wear Out Effekte mitgeteilt. Oder dass diese Gesichter nach der Early Adopter Phase genau das Gegenteil von “innovativ” sind?

Keine gute Werbeidee für Marken, die vorne sein wollen.

 

Lidl: Premium-Flair?

Horizont teilt uns mit, dass Lidl nunmehr Premium-Flair versprühe: Schöne Videoclips berühren uns tief.

Man fragt sich nun, was mit den emotional aufgeladenen Menschen passiert, die mit diesen schönen Bildern, Menschen, Aussagen und Melodien im Kopf einen Lidl-Markt aufsuchen?

Lidl-Werbung
Ein typischer Lidl-Markt: Die wirklich emotionale Atmosphäre der Commercials findet sich hier nicht ebenso wirklich wieder.

 

Werden sie die atmosphärische Dichte der “Apple-Werbung” (Horizont) nun auch in den Markt transferieren?

Angesichts der Lidl-Eigenmarken die Qualität der Waren nachvollziehen und so zu einem neuen Leben im Guten finden?

Eine gewisse emotionale Kluft kann man nicht verkennen. Wir wissen nicht, was folgen wird, um diese Kluft zu verringern. Womöglich wird Lidl ja auch völlig neu positioniert.

Aber eins kann man sicherlich schon zum Start sagen: So richtig integriert und kohärent scheint diese Ansprache nicht zu sein.

 

Sind Fussballer furchtlos und treu?

Der VFB Stuttgart hat in alten Archiven gewühlt und erklärt nun, er sei “furchtlos und treu”. Die Welt findet das nicht durchweg gelungen.

Es wäre ein wunderbares Dissertationsthema: Warum müssen Vereinsclaims – besonders im Fussball-Bereich – immer so peinlich sein. Trainer Baade ist das auch schon aufgefallen.

Irgendetwas mit “Leidenschaft”, “Treue”, Unverbrüchlichkeit etc. geht eigentlich immer. Kein Verein hat es bislang geschafft, sich das schöne Spiel auf den Leib zu schreiben. Es geht immer um stoisches – meistens vergebliches – Bemühen. Wolfsburg: Weck den Wolf in Dir! (2008).

Beliebte Themen sind auch Liebe, Heimat, Tradition. Einen so krassen Ausrutscher in eine trutzig-völkische Darstellung wie der VFB Stuttgart hat jedoch in den letzten Jahren wohl kein Club hingelegt. Verantwortlich werden dann immer die “Marketing-Verantwortlichen” gemacht. In der Regel haben die Marketing-Verantwortlichen in den Vereinen – von zwei bis drei Ausnahmen abgesehen, und die spielen oben – keine Ahnung von Marketing. Umso lieber möchten sie “ihren” Fans einen Gefallen tun und sie so umarmend ins Stadion locken.

Liebe Marketing-Verantwortliche: Wenn ihr solche Fans habt, ist irgendetwas faul.

Mit dem Kopf durch die Wand: Google möchte “Glass” monopolisieren.

Das Wall Street Journal schüttelt den Kopf über Google. Nachdem es dem Unternehmen – korrekt – gelungen ist, “Google Glass” als Marke eintragen zu lassen, hat es sich nun die Trauben etwas höher gehängt und möchte auch “Glass” als Wortmarke für das Produkt eintragen lassen. Bislang hat das US-Markenamt das abgelehnt.

Spitzfindig: Google Glass sei ja gar nicht aus Glas.

Die Anwälte des Konzern sind allerdings mit dieser Abweisung nicht einverstanden und versuchen nun nachzuweisen, dass 1. “Glass” von der Mehrheit bereits als Google-Produkt eingeschätzt wird und dass 2. das Produkt ja zum überwiegenden Teil gar nicht aus Glas sei. Daher sei der beschreibende Charakter (der ja der Monopolisierung nach allen – auch internationalen – Regeln im Weg steht) nicht gegeben .

Man darf gespannt sein, wie sich die Auseinandersetzung entwickelt. Immerhin hat die Telekom es schon geschafft, Magenta zur Markenfarbe zu machen.

Wann wird Fielmann die Markenrechte an “Brille” beantragen? Schließlich gehen die angesprochenen Verkehrskreise aufgrund des langjährig eingesetzten Claims “Brille? Fielmann” ja auch davon aus, dass Brillen nur von Fielmann kommen können.

Den Anwälten mag die Auseinandersetzung gefallen; immerhin 2.000 Seiten haben sie bereits investiert, um die Assoziation “Glass=Google” zu belegen.

 

Fußball und Alkohol: herrliches Herforder!

Die Herforder Brauerei, besser gesagt: ihr Testimonial, empfindet das Anstoßen als das Beste am Fußball.

Diese Einstellung trifft sicherlich für einige Fußball-Fans zu. Aus Vertriebssicht liegt es daher nahe, mit dieser öffentlichen Verbrüderung die Kundenbindung zu festigen.

Aus Markensicht muss es nicht unbedingt die richtige Lösung sein: Eine Marke, die sich zu fussballerischem Massen-Suff bekennt, ist nicht besonders anziehend oder werthaltig, sondern in erster Linie anbiedernd mengenorientiert.

Das Bemühen der Fußball-Klubs um ein Image weg vom Alkoholmilieu wird durch eine solche werbliche Ansprache natürlich massiv konterkariert. Die Brauerei möchte die Kampagne jedoch als witzelnd und augenzwinkernd eingeschätzt wissen. Das ist “Wir haben es nicht so gemeint.” mit Ansage.

Wann erscheint ein Plakat “Das Schönste am Fußball-Spiel ist die Zigarette danach.”? Natürlich augenzwinkernd.

 

WM-Maskottchen heißt Gesäß.

Wie wir soeben von Sport1 erfahren, hat die FIFA das WM-Maskottchen leider “Gesäß” genannt – in der irrigen Annahme, eine Zusammensetzung aus Fußball (futebol) und Ökologie (ecologia) sei semantikfrei.

Solche Missgriffe sind allerdings auch schon Unternehmen und anderen Institutionen passiert.

Was die Posse jedoch zu einer Blamage macht, ist die Tatsache, dass die Bedeutung Gesäß /”Arsch” ausgerechnet in der Zielsprache Portugiesisch für diesen Begriff existiert.  Das haben selbst die Autobauer noch nicht geschafft.

Hoeneß: Imageschaden für die Kontrolleure

Die taz, bekannt dafür, die Sportseite spöttisch mit “Leibesübungen” zu überschreiben, ordnet das Bild des Sozialschmarotzers ein: “Wir werden nicht mit Ihnen heulen!”

Angesichts der nun bekannt gewordenen, deutlichen Erhöhung der hinterzogenen Steuer in den zweistelligen Millionenbereich, drängen sich weitere Fragen in die Hirn-Hinterstübchen der fassungslosen Betrachter des Verfahrens.

Wenn der Beklagte ausführt, die Bank hätte alles eigenständig abgewickelt und er hätte den Überblick verloren: Was hat der Mann mit den ihm anvertrauten fremden Geldern gemacht, wenn er schon sein privates Vermögen nicht kontrollieren konnte oder wollte?

Wie glaubwürdig ist es, anzunehmen, dass er im Job sorgfältig und gewissenhaft handelte, aber im privaten Kapitalbereich den Hasardeur gab?

Was wirft das für ein Licht auf die anderen Aufsichtsräte des Unternehmens, die ihn als Aufsichtsratsvorsitzenden bestätigten, als die Steuerhinterziehung schon bekannt war? Ist Hoeneß größtes Talent etwa nicht die Fussball-Kompetenz, sondern eine Schauspieleignung von Jekyll&Hyde-Format?

Konnte er seine Aufsichtsratskollegen davon überzeugen, dass er zwar privat ein unkontrollierbarer Zocker ist (oder war), dort über die Jahre zig Millionen verplemperte (“nach 2009 war kein Geld mehr da”), aber als Manager des FC Bayern München immer genau wusste und nachrechnete, was lief?

Falls ja, hat Hollywood ein Riesentalent ungenutzt in Bayern verkümmern lassen.

Falls nein, sollten sich Audi, VW und Adidas nicht wundern, wenn die Reputation nun etwas durchsackt.

 

(Abb: By Harald Bischoff (Own work) [CC-BY-SA-3.0)